Männerballett
„Birgeler Bachstelzen“

Grazie
Es war im Sommer 1987, als ein paar „Karnevalsjecke“ auf den Gedanken kamen, ein Männerballett zu gründen. Schnell wurden weitere vermeintliche Gesinnungsgenossen ange- sprochen und so dauerte es nicht lange, bis sich acht „Jecken“ gefunden hatten. Gründer des Männerballetts waren (in alphabeti-scher Reihenfolge):
Peter Greven, Hans-Peter Hahnengress, Peter Krischer, Matthias Pünzeler, Walter Siebertz, Erwin Wächter, Herbert Wolff und Willi Wolff.
Man traf sich im Herbst, um weitere Einzelheiten zu besprechen. Schnell war klar, dass man zwar zur Erheiterung der Birgeler Bevölkerung beitragen, dass man aber auch ein gewisses Niveau erreichen wollte. Die Leute sollten „über uns lachen, aber sie sollten uns nicht auslachen!“ So musste also eine Trainerin her. Mit Jutta Zehnle aus Düren wurde eine äußerst fähige und erfahrene Trainerin gefunden, die das Ballett die ersten sieben Jahre trainieren sollte. Seit 2006 übt sie diese Trainertätigkeit zusammen mit ihrer Tochter Miriam wieder aus, aber davon später mehr.
Mit Jutta wurden schnell Thema und Musik für die beiden ersten Tänze gefunden. Da man felsenfest vom Erfolg des Unternehmens überzeugt war, wurde von Anfang an eine Zugabe eingeplant, und dafür musste natürlich ein eigener Tanz her! So übte man Woche für Woche den „Hawaitanz“. Hilde Siebertz stellte parallel dazu tolle Kostüme her mit echten Baströckchen, die wunderbar aussahen und die später manche gefährliche Situationen zu überstehen hatten. Schon im ersten Jahr wurden die Kostüme so gestaltet, dass den Männern eine gewisse „Bauchfreiheit“ erhalten blieb, damit sie sich besser bewegen konnten. Dieses Prinzip hat man viele Jahre konsequent beibehalten und erst in den letzten Jahren ist man zu einem mehr seriöseren Outfit übergegangen.
Lockerheit
Unvergessen war dann für alle Beteiligten der allererste Auftritt auf der Damensitzung in Gürzenich. Die Sitzungspräsidentin hatte die Damen so richtig „heiß“ gemacht und so ging es mit sehr gemischten Gefühlen durch eine enge Gasse zur Bühne. In diesem Moment war jeder mit sich ganz allein und die Gesichter, die auf der Bühne zu sehen waren, passten eher zu einer Beerdigung als zu einer Karnevalssitzung. Dennoch, man kam an und hinterher wurde der erste Erfolg gebührend gefeiert. Es wurde intensiv so lange über die Premiere geredet und debattiert, bis am Ende nur noch Helden auf der Bühne gestanden hatten.
Natürlich war der erste Auftritt in Birgel ein Bombenerfolg. Die Veranstalter hatten schon geahnt, dass man ein Birgeler Männerballett in Birgel nur am Schluss des Programms bringen konnte. Und die Reaktion des Publikums gab ihnen Recht. Allerdings hatte diese Programmgestaltung auch unangenehmere Begleitumstände. Um schön „locker“ für den Auftritt zu sein, trank man natürlich das eine oder andere Bierchen. Dann kam beim Umziehen das eine oder andere Schnäpschen hinzu, was dazu führte, dass man zum Zeitpunkt des Auftritts schon „ziemlich locker“ war und dann doch der eine oder andere „Fehltritt“ zu verzeichnen war. Es soll sogar Mitglieder im Ballett gegeben haben, die sich am Tag danach nicht mehr an ihren Auftritt erinnern konnten, aber das ist nur ein Gerücht!
Eleganz
So gingen die Jahre ins Land und in jedem Jahr war man mit zwei neuen Tänzen dabei. Sportlicher Höhepunkt war die erste und bisher einzige Teilnahme an einem Männerballett-Turnier in der Session 1993/94 in Vossenack. Dort wurde unter acht Teilnehmern auf Anhieb der dritte Platz erreicht. Dieser tolle Erfolg und das dadurch erworbene Ansehen wurden in den nachfolgenden Jahren dadurch gesichert und gepflegt, dass man einfach nicht mehr an weiteren Turnieren teilnahm.
Leider verließ uns Jutta Zehnle im Jahre 1994 und für die Session 1994/95 musste Ersatz her. Mit Sabine Clever, einer jungen und begabten Tänzerin, wurde dieser Ersatz gefunden. Die neue Zusammenarbeit hielt jedoch nur vier Jahre, so dass zum Ende der Session 1997/98 wieder eine Trainerin gesucht werden musste.
Diese Suche gestaltete sich zunächst schwierig. Mehrere Kandidatinnen wurden angesprochen und winkten ab. So griff man am Ende zu einer „professionellen“ Methode. Per Zeitungsannonce wurde eine Trainerin gesucht und tatsächlich gefunden. Mit Beatrix Banik, genannt „Trixi“, wurde eine erfahrene Tänzerin engagiert, die sich in den nächsten sechs Jahren für die Choreografie des Balletts verantwortlich zeichnete. „Trixi“ ist von Beruf Erzieherin und war in einem Heim in der Jugenderziehung tätig. Die dort gewonnenen beruflichen Erfahrungen konnte sie im Umgang mit dem Männerballett sehr gut nutzen, denn selbstkritisch bleibt festzustellen, dass der „Zahn der Zeit“ auch an den Bachstelzen nicht spurlos vorübergegangen war. Auch sie waren älter und damit etwas schwieriger im Umgang geworden. Aber sie rauften sich immer wieder zusammen und brachten zum Schluss doch wie gewohnt „irgendwas auf der Bühne zu Stande“!
Eine schwere Krise durchlebte das Männerballett in den Jahren 2003 bis 2006. Einige „langgediente Bachstelzen“ wie Thomas Diedrich, Sigurd Kreuser, Willi Wolf und Detlef Ziolkowski verließen in dieser Zeit das Ballett, geeigneter Ersatz konnte nicht gefunden werden. Bei den verbliebenen Mitgliedern traten vereinzelt gesundheitliche und berufliche Probleme auf. Die ganze demotivierende Situation führte letztendlich dazu, dass das Ballett in den Sessionen 2004/2005 und 2005/2006 nicht auftreten konnte. Das Ende einer schönen Zeit schien gekommen zu sein.
Ein Gründungsmitglied konnte und wollte sich mit dieser Situation nicht abfinden. Es war Herbert Wolff, der sich immer wieder für den Fortbestand des Männerballetts einsetzte. Er brachte die übrigen Mitglieder dazu, dass sie zum Weitermachen bereit waren. Allerdings war dieses Weitermachen an zwei Bedingungen geknüpft. Zum einen musste wieder eine gute Trainerin gefunden werden, zum anderen brauchte das Ballett, das inzwischen mit Hans-Peter Hahnengress, Hartmut Knipprath, Erwin Wächter und Herbert Wolff nur noch aus vier Mitgliedern bestand, dringend personelle Verstärkung.
Diese Verstärkung wurde 2006 während der Kindersitzung der Böse Buben Birgel gefunden. Zur fortgeschrittenen Stunde gelang es, Gerd Braun, Jürgen Diedrich, Alfons Küpper und Robert Hülscher für das Mitwirken im Ballett zu gewinnen. Nun war man solche durch den Genuss von alkoholischen Getränken geförderten „spontanen“ Beitritte‘ aus der langen Geschichte des Männerballetts gewohnt. Bis zum Trainingsbeginn nach den Sommerferien war es noch lange hin, und auf dem Weg dorthin hatte schon so mancher heiße Beitrittskandidat seinen Mut und Willen verloren. Um den Beitritt der vier neuen Mitglieder. die als „alte Birgeler“ sehr gut zur alten Mannschaft passten und deshalb sehr willkommen waren, zu sichern, wurden die Beitrittserklärungen erstmals in der Geschichte des Männerballetts schriftlich festgehalten. Dabei hat es geradezu etwas Symbolisches, dass für die Beitrittserklärungen ein Bierdeckel herhalten musste.
Eine neue Trainerin wurde dank der Initiative von Herbert Wolff gefunden, es war die „alte“ Trainerin Jutta Zehnle. Sie war zu einem ersten Gespräch bereit und brachte dazu ihre ebenso hübsche wie inzwischen erwachsene Tochter Miriam mit. Beide arbeiten als Krankenschwestern in Aachener Krankenhäusern und haben deshalb ständig Schichtdienst. Aber zusammen sahen sie sich in der Lage, den Trainerjob zu übernehmen.
Die fünf neuen Bachstelzen und die beiden Trainerinnen haben entscheidend dazu beigetragen, dass die Krise erfolgreich überwunden werden konnte. Das Hobby „Männerballett“ macht wieder richtig Spaß und alle sind mit viel Einsatz und Freude dabei. So erleben die Bachstelzen gemeinsam einen „zweiten Frühling“ und sind guten Mutes, dass dieser Frühling nach lange anhalten wird.
Text entnommen der Festschrift des Männerballett Birgeler Bachstelzen anlässlich deren 2 x 11 jährigen Jubiläums im Jahr 2009.
Seitdem haben einige Bachstelzen mit dem „Tanzsport“ aufgehört, andere sind neu dazugestoßen.
Zum Ende der Session 2015/2016 hat zudem das Trainergespann Jutta + Miriam das Traineramt endgültig niedergelegt.
Mit Britta Hennersdorf konnte eine neue Trainerin gefunden werden, mit der die Bachstelzen noch einige erfolgreiche Jahre zusammen arbeiten möchten.
Kinderorden
Seitdem das Männerballett existiert, stellt es in aufwendiger Arbeit die Orden für die Kindersitzung der KG Böse Buben Birgel her. In den ersten Jahren wurden bekannte Figuren von Walt Disney als Motive genommen. Die Orden wurden jeweils in einer einheitlichen Farbe gestaltet. Dieses Verfahren wurde 1992 verfeinert.
Während der Trainingsphase im Herbst wird seitdem überlegt, welche aktuellen Zeichentrickfilme im Kino laufen. Aus diesen Filmen wird dann ein Motiv ausgewählt. Im Spielzeughandel wird eine passende Figur beschafft und dann stellt „Chefarchitekt“ Erwin Wächter die Grundform her, die zum Gießen der Orden dienen soll. Dieser Prozess scheint sehr schwierig und zeitaufwendig zu sein, denn Erwin muss im Laufe der Wochen mehrmals nach dem Stand der Arbeit befragt werden. Meistens ist es so, dass er kurz vor Weihnachten die Gussform abliefert und dann in den Winterurlaub verschwindet.
Nun kommt Herbert Wolff ins Spiel. Er ist derjenige, der dann die Orden gießt. Um die 200 Stück werden von ihm pro Jahr gegossen. Trotz seiner Schichtarbeit schafft er es immer wieder, die Orden um den Jahreswechsel herum herzustellen, so dass im Januar mit dem Anmalen der Orden begonnen werden kann.
An vier bis fünf Abenden trifft sich das Ballett, um diese Arbeit zu erledigen. Dabei gibt es innerhalb der Gruppe unterschiedliche Befähigungen. So sind einige Bachstelzen nur für die Grobarbeiten geeignet. Sie dürfen nur die größeren Flächen bemalen, oder den Filz für die Rückseite des Ordens schneiden und diesen dort aufkleben. Nur wenige Auserwählte machen dann die Feinarbeit. Sie sind für die kleinen und kleinsten Farbstellen zuständig, für die sehr viel Feingefühl benötigt wird.
Nun ist es so, dass während der Malabende das eine oder andere alkoholische Getränk zu sich genommen wird. So hat es einzelne Abende gegeben, an denen die Grenze zwischen den Fein- und Grobmotorikern auf Grund des konsumierten Alkohols ziemlich fließend war. Übermäßiger Alkoholgenuss steigerte auch die Gefahren des nächtlichen Nachhauseweges. So geriet eine „Ex-Bachstelze“ zur vorgerückten Stunde vom rechten Weg, stolperte über eine Baumwurzel und geriet anschließend auf äußerst unangenehme Art mit dem hart gefrorenen Boden in Kontakt. Auf Grund des genossenen Alkohols hatte sich seine Reaktionszeit so weit reduziert, dass es ihr nicht mehr gelang, den Sturz durch Zuhilfenahme der eigenen, sich in den wärmenden Hosentaschen befindenden Hände abzufedern. Die Spuren dieses Unfalls waren demzufolge noch eine ganze Zeit in seinem Gesicht zu sehen.
So werden jedes Jahr ca. 200 Orden hergestellt und individuell bemalt. Die Orden sind bei den auftretenden Kindern sehr beliebt. Jedenfalls hat die Gesellschaft keine Mühe, genügend auftretende Kräfte zur Gestaltung des Programms der Kindersitzung zu finden.
Für das Männerballett hat sich die Kindersitzung zu einem Höhepunkt der Session entwickelt. Man trifft sich im Zelt an der Theke, spricht noch mal den Auftritt des letzten Abends durch und bangt dann, ob die angefertigten Orden auch diesmal wieder ausreichen. Das schönste Gefühl kommt aber auf, wenn man beobachtet, wie die Kinder sich über die Orden freuen.
Dass bei dieser Gelegenheit auch das eine oder andere Bierchen getrunken wird, ist ein nicht ganz unwillkommener Nebeneffekt. Auch aus kulinarischer Sicht ist dieser Nachmittag in den letzten Jahren immer interessanter geworden. Jeder bringt was mit und so entsteht eine Art Buffet, das allen Geschmacksrichtungen Rechnung trägt, auch wenn das dem einen oder anderen nicht so gefällt. Insbesondere eine „Gründer-Bachstelze“ regt sich immer wieder über den Verzehr knoblauchhaltiger Speisen auf. Sein Protest erzielt allerdings nicht die geringste Wirkung.
Für alle Bachstelzen ist es dann der Höhepunkt, wenn „Chefarchitekt“ und „Chefdesigner“ Erwin die Orden für das Männerballett auspackt und verteilt. Denn diese Orden sind vom Meister persönlich bemalt und sind in ihrer Qualität unübertroffen. Einen solchen Orden zu besitzen, das hat schon was!
Text entnommen der Festschrift anlässlich des 2 x 11 jährigen Jubiläums der Birgeler Bachstelzen im Jahr 2009
